rauchen I

14 07 2009

Zigaretten spielen in deinem Leben eine wichtige Rolle. Allerdings würdest du dich nicht als Raucher bezeichnen. Erst recht nicht im Beisein anderer. Schon wieder so eine Sache, die du mit dir alleine ausmachst. Psychologen hätten an dir ihre wahre Freude.

Angefangen hast du schon sehr früh, wahrscheinlich noch vor deinen ersten Wichserfahrungen. Wieder einmal war dein Bruder am Anfang mit dabei. Eines Tages hatte er eine Schachtel Marlboro. Rote natürlich. Light gab es damals wohl noch nicht. Ihr fandet die rauchenden Schauspieler in den Fernsehserien so cool, dass ihr es auch ausprobieren wolltet. Und ihr wart so jung und so derart unerfahren, dass ihr nicht einmal wusstet, wie man raucht. Glut, das wusstet ihr, glüht auf, wenn man hinein bläst. Also habt ihr in die Zigaretten auch hineingeblasen. Kein Wunder also, dass es ganz schön schwierig war, so ein Ding anzukriegen. Immerhin hast du nicht husten müssen, weil du ja gar nicht wirklich mit dem Rauch in Kontakt gekommen bist. Leider gelang es dir daher auch nicht, den Rauch so cool auszuatmen, wie du es gerne gemacht hättest. Und auch wenn es nicht geklappt hat, es war irgendwie sehr erregend.

Ein paar Jahre später solltest du erneut mit deinem Bruder eine Zigarette teilen. Du erinnerst dich nur noch, dass ihr an einer Bushaltestelle standet und eine ältere Frau eine Bemerkung der Art “so jung und schon rauchen” fallen ließ.

Ansonsten warst du der Antiraucher in Person. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit – und auch wenn es eigentlich keine Gelegenheit gab – spieltest du den Gesundheitsapostel und wurdest nicht müde zu beteuern, wie schlimm doch das Rauchen sei. Schon damals, als du noch in die Grundschule gingst, musst du aber auch die Erotik des Rauchens gespürt haben. Denn wie sonst könntest du dich heute noch daran erinnern, dass eine Mitschülerin, die dir sonst nicht im Gedächtnis geblieben war, gesagt hatte, sie werde später, wenn sie erwachsen sei, wohl einmal rauchen. War es wirklich ein Hauch Erotik, den du da verspürt hast? Oder war es diese verblüffende Freiheit, die sich dieses Mädchen nahm, einen Wunsch ganz offen auszusprechen, den du dich nicht einmal mehr deinem Bruder gegenüber zu verlautbaren trautest? Jedenfalls hingst du oft an “der Sache” und dachtest dabei an dieses Mädchen und ihre kühnen Zukunfstpläne.

Dieser bürgerliche Gesundheitsfimmel, an dem du damals so stark littst, hat dich immerhin davor bewahrt, wirklich zu einem Raucher zu werden. Denn so sehr du dich von Zigaretten angezogen fühltest, wenn du alleine warst, so sehr verabscheutest du sie, sobald du nicht alleine warst. Und es war nicht einmal gespielte Abscheu. Zigarettenrauch in geschlossenen Räumen kannst du bis heute nur ausstehen, wenn du erregt bist. Andernfalls macht er dich im wahrsten Sinne des Wortes krank: Husten, Schnupfen, Erkältung… Wie auch immer, öffentlich (das heißt in Gegenwart irgendeiner Person, die du kennst) hast du bis heute nicht geraucht. All deine Zigaretten hast du entweder in Einsamkeit oder in anonymer Umgebung geraucht.

Heute rauchst du gar nicht mehr. Zumindest keinen Tabak. Denn du hast endlich verstanden, dass es dir gar nichts bringt, selbst zu rauchen. Das, was so unheimlich sexy ist am Rauchen, ist, andere rauchen zu sehen. In erster Linie Frauen. Smoking Fetish nennt sich das. Dank Internet hast du auch festgestellt, dass du damit nicht alleine bist. Was freilich noch nicht erklärt, warum du es eigentlich so attraktiv findest eine Frau rauchen zu sehen. Aber wahrscheinlich gibt es da auch keine vernünftige Erklärung. Es ist einfach so. Und das Internet ist voll davon. Zum Beispiel www.smokingarchive.com . Dort gibt es alles, was das Herz erfreut: Fotos von künstlerisch-erotisch

Erotische Raucherin

über extrem sexybis hin zu vulgärerenund natürlich auch jeder Menge pornografischen Bildern.





tot

8 07 2009

Schon wirklich bemerkenswert: jetzt, da er tot ist, ist seine Musik wieder überall zu hören. Jetzt! Jetzt, wo er nichts mehr davon hat. Sogar in den Radios wird er rauf- und runtergspielt! Als ob nichts geschehen wäre, als ob die letzten zehn Jahre, in denen er eine geächtete Person war, nicht existiert hätten. Es scheint, als musste der Mensch sterben, damit der Star aufblühen konnte. Der Mensch stand dem Star im Weg mit seinen ganzen menschlichen Schwächen. Und doch, selbst im Tod werden ihm die nicht verziehen, wird der alte Dreck wieder hochgespült. “Über Tote soll man nichts Schlechtes sagen”, heißt es. Und doch wurden in den Nachrichten über seinen Tod Formulierungen verwendet wie “Nun sollen vergessen bleiben seine …”, und dann werden die Skandale schlussendlich also doch noch aufgezählt. Obwohl er vom Gericht freigesprochen worden war, es also schon fast üble Nachrede ist, immer wieder darauf herzumzureiten. Aber das ist wohl die Strafe dafür, wenn man versucht, die wichtigsten Herrschaftsmechanismen unserer Gesellschaft austricksen zu wollen. Freilich, das klingt ein wenig dick aufgetragen. Aber die Konstruktion von Gechlecht und “race” ist in unserer Gesellschaft nun einmal ein grundlegendes Herrschaftsinstrument. Er wollte die Grenzen, die für diese Konstruktionen von so entscheidender Bedeutung sind, verwischen. Was für ein Verbrechen! Dafür wurde er (unter dem Vorwand des Kinderschänders – und, mal ehrlich!, gibt es in unserer Gesellschaft einen Vorwurf, der schlimmer wiegt? – ganz schwere Geschosse also!) mit Missachtung gestraft, lebenslänglicher Missachtung! Noch vor einem Monat, wäre es völlig undenkbar gewesen, im Radio auch nur einen seiner Songs zu hören. Jetzt, da der Mensch weg ist, ist der Weg für den Star frei und die Missachtung zu Ende. Wobei, aber das ganz am Rande, erstaunlich wenig die Rede davon ist, was an der Starperson so fasziniert. Ein guter Musiker, Sänger etc. heißt es da immer. Als wüssten es die Autoren solcher Nachrufe gar nicht aus eigener Anschauung, als hätten sie erst in der Wikipedia nachschauen müssen, warum er eigentlich so berühmt war. Und vielleicht wissen sie es ja tatsächlich nicht, vielleicht hat die Strafe der Missachtung so gut funktioniert, dass die Leute ihn tatsächlich vergessen haben. Wie anders ist es zu erklären, dass so selten von seiner Tanzkunst die Rede ist? War er doch in erster Linie das: einer der besten Tänzer der Welt. Wer könnte das verblüffende (Zusammen)Spiel seiner Beine, ja seines gesamten Körpers, vergessen haben? Vorausgesetzt natürlich, man hat es einmal gesehen…
Aber zurück zu seinem eigentlichen Verbrechen der Grenzverwischung. Bis zu ihm waren Popstars immer extrem geschlechtlich gepolt. Der berühmte Hüftschwung von “Elvis, the pelvis” etwa. Er dagegen war es nicht. Wenn seine Bewegungen auch mindestens ebenso erotisch waren wie die von Elvis, sie waren geschlechtlich nicht eindeutig einzuordnen. War es ein Mann, war es eine Frau? Oder beides zusammen? Gar keines von beidem? Durch seine unzähligen Operationen war er zumindest eines nicht mehr: eindeutig! Freilich, letztendlich haben sie ihn entstellt und zu einer Art Monster gemacht. Ein weiterer Grund, auf ihn einzuschlagen. Aber sind die eigentlichen schuldigen nicht vielmehr die Ärzte, die solche Operationen anbieten und durchführen, obwohl sie einen Eid geschworen haben, der ihnen das eigentlich verbieten müsste? War es also wirklich seine Schuld? Die Schuld, den Ärzten das zu glauben, was sie versprechen?
Viel schlimmer noch das zweite Vergehen, die Verwischung der Rassifizierungen. Die Ursache sei dahingestellt. Aber die Tatsache der sich verändernden Hautfarbe und Gesichtsphysiognomie kam dem Versuch der color-line-Übertretung gleich. Dieser unsicht- und unübertretbaren Linie, die unsere Welt durchzieht und durchtrennt; und so erst die weiße Herrschaft ermöglicht. Dieser Linie, deren Opfer er war, und die er, dem in seinem unermesslichen Reichtum vielleicht alles möglich schien, vielleicht übertreten wollte?
Wie auch immer. Wie grausam ist sie doch, die weiße Welt der ach so humanen Kinderbeschützer, die ihre Stars erst sterben lassen muss, ehe sie zu unsterblichen Stars werden können!








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