hin- und hergerissen

27 07 2009

Gestern Nacht hast du deiner Nachbarin beim Sex zugesehen. Ihr Fenster befindet sich deinem leicht schräg gegenüber. Genauer gesagt ist es eine der zwei Töchter der Nachbarsfamilie. Am Briefkasten stehen die Namen beider Töchter, aber du hast nie herausgefunden, welche welche ist. Dein Kontakt mit den Nachbarn reduziert sich auf ein freundliches Grüßen im Treppenhaus und den ein oder anderen Kommentar über das Wetter. Aber auch das eher mit den Eltern. Mit beiden Töchtern hast du nie mehr als ein Hallo gewechselt. Und das, obwohl du sehr gerne mehr Kontakt zu ihnen hättest. Aber sie sind ein ganzes Stück jünger als du und nie ist dir ein Vorwand eingefallen, um ein Gespräch mit ihnen zu beginnen. Manchmal spinnst du dir Geschichten aus. Fetzen von Filmen, die du im Kino gesehen hast. Etwa, dass sie (denn es ist vor allem diese eine Tochter, die es dir angetan hat, die andere interessiert dich eher nicht), wenn du nach Hause kommst, weinend im Treppenhaus sitzt, weil ihr Vater sie geschlagen hat. Und du bittest sie in deine Wohnung, kümmerst dich um sie, kommst so ins Gespräch und legst den Grundstein für eine Freundschaft … Aber das ist natürlich Schwachsinn. Ihr Vater ist – zumindest nach dem Wenigen zu urteilen, was du von ihm weißt – einer der liebsten Menschen, die im Haus wohnen. Es würde ihm  niemals einfallen, eine seiner Töchter zu schlagen, das ist ganz und gar ausgeschlossen. Und das ist natürlich auch viel besser so!

Schon seit Jahren siehst du sie ab und zu. Vor allem abends, wenn bei ihr im Zimmer Licht brennt und du in deinem dunklen Zimmer stehst. Sie ist zum Glück nicht sehr darauf bedacht, nicht gesehen zu werden – wahrscheinlich, weil sie gar nicht auf die Idee kommt, dass es solche Idioten wie dich gibt, die scheinbar nichts Besseres zu tun haben, als schöne Nachbarinnen zu beobachten. Vielleicht solltest du sie einmal anonym darüber informieren, dass su sie ab und an beobachtest, denn so etwas hat niemand verdient. Und erst recht keine hübsche junge Frau so um die zwanzig.

Dabei sind es gar keine spektakulären Dinge, die du siehst. Etwa, wenn sie am Computer arbeitet, also stundenlang mehr oder weniger reglos auf einem Stuhl vor dem Bildschirm sitzt. Aber das reicht dir schon. Du kannst es dir nicht erklären, aber du fühlst dich ihr in solchen Momenten auf unerklärliche Weise näher. Und zugleich doch so fern, weil du genau weißt, dass du mit ihr niemals über ein höfliches Hallo im Treppenhaus hinauskommen wirst. Es gibt einfach keinerlei Basis, auf der sich eine Freundschaft aufbauen ließe, keinerlei Motiv für einen Annäherungsversuch. Es klingt seltsam, aber es ist wirklich so: für manche, vielleicht sogar für die meisten Alltagsbekanntschaften ist ein näheres Kennenlernen gesellschaftlich nicht vorgesehen und höchstens durch einen Zufall möglich. Du weißt genau, dass dieser Zufall auch in diesem Fall nie eintreten wird …

Manchmal hast du den Eindruck, sie könnte dich vielleicht doch gesehen haben. Was eigentlich nicht möglich ist, immerhin ist dein Zimmer dunkel, ihres beleuchtet – und zudem hat sie zumindest ein Moskitonetz vor dem Fenster, das ihr die Sicht nach draußen erschweren sollte. Meistens sogar noch eine Gardine. Und seit ein paar Monaten hat sie vor der Gardine noch einen nicht absolut blickdichten, jedoch nur ziemlich schwer zu durchschauenden Vorhang. Ist die große Lampe in ihrem Zimmer angeschaltet, lässt sich nun gar nichts mehr erkennen, weil sie diesen neuen Vorhang direkt beleuchtet. Warum hat sie diesen Vorhang angebracht? Schon der Gedanke, sie könnte ahnen, dass du manchmal an deinem Fenster stehst, um sie zu sehen, treibt dir die Schamesröte ins Gesicht. Und lässt dich zu Gott beten, an den du gar nicht glaubst, alles Mögliche möge der Grund gewesen sein, nur nicht dieser Verdacht ihrerseits.

Und gestern also das! Bisher hattest du sie allenfalls einmal leicht bekleidet gesehen. Etwa im BH, wenn sie sich einmal umzog. Gestern, du wolltest gerade deine Jalousie herunterlassen, sahst du, dass in ihrem Zimmer Licht brannte. Aber nicht die große Deckenlampe, sondern wohl ein Nachttischlämpchen, dass du von deiner Position aus nicht sehen konntest. Daher ließ sich sogar durch den neuen Vorhang relativ gut durchsehen. Du sahst, dass ihr Schrank, der an der dem Fenster gegenüberliegenden Wand steht, geschlossen war. Die Schiebetüren des Schranks sind verspiegelt und oftmals offen, so dass du die Schrankböden mit der zusammengelegten Wäsche darauf erkennen kannst. Doch gestern waren sie geschlossen. Du hattest die Hand schon am Jalousiegurt, als du sahst, was sich in der Schranktür spiegelte, und geradzu erstarrtest: auf dem Bett, das an der Wand mit dem Fenster steht, nur etwas weiter links, lag ihr Freund. Nackt. Und sie stand direkt vor dem Fenster und probierte sich offenbar ein Kleidungsstück an.

Du musstest noch etwas in der Küche erledigen. Als du zurückkamst, konntest du erkennen, dass sie nun auch nackt und ebenfalls im Bett war. Er lag auf dem Rücken, sie saß auf ihm und macht Auf- und Ab-Bewegungen. Nur einem guten Schriftsteller bzw. einer Schriftstellerin würde es gelingen, das, was du sahst, so zu beschreiben, wie es war. Also so, dass es weder unendlich kitschig klingt noch in obszöner Pornografie endet. Denn so wie es war, war es reinste Poesie. Ihr Fenster war geschlossen, so dass du nichts hörtest, sondern nur die – wegen des Vorhangs reichlich schemenhaften – Liebenden sehen konntest. Und ja, es waren wirklich Liebende! So sehr dich die Situation auch erregte, so sehr bewegte dich vor allem die unendliche Zärtlichkeit, die sich dort Ausdruck verschuf. Nachdem sie eine Weile auf ihm geritten war, war zumindest er offensichtlich zum Orgasmus gekommen – denn kurz darauf sahst du ihn mit einem Taschentuch zwischen seinen Beinen rubbeln. Dann lagen sie, die sich schon beim Reiten sehr viel Zeit genommen hatten, eine lange Zeit nebeneinander und unterhielten sich wahrscheinlich. Dabei unterließen sie es nicht, sich gegenseitig zu streicheln. Anfangs weniger, dann immer mehr. Bis sie schließlich nach unten rutschte und ihm den Schwanz wieder groß bließ. Erst jetzt konntest du einen Blick auf seinen Ständer erhaschen: oh ja, er war wirklich herrlich groß – und sanft nach oben gebogen. In diesem Moment freutest du dich mit ungekannter Stärke für deine Nachbarin, dass sie sich einen Typ mit einem so schönen Exemplar geangelt hatte. Nachdem er zum zweiten Mal gekommen war – dieses mal in ihrem Mund – legte sie sich auf ihn. Wahrscheinlich küssten sie sich nun, aber das weißt du nicht, denn der verspiegelte Schrank war zu kurz, ihre Köpfe waren gleichsam abgeschnitten. Eine gute Weile später drehten sie das Spiel um: nun lag sie auf dem Rücken, mit gespreizten Beinen, und er leckte sie zum Orgasmus. Wie gesagt, all das klingt ziemlich gewöhnlich und vulgär, war aber mit derart viel Zärtlichkeit aufgeladen, dass es unmöglich ist, das hier auch nur annähernd wiederzugeben. Erst nachdem sie noch lange Zeit eng aneinander geschmiegt im Bett gelegen hatten, standen sie auf, zogen sich an, verließen das Zimmer und kurz darauf das Haus.

Du standest da und fühltest dich auf einmal unendlich mies, weil du das Gefühl hattest, in etwas eingebrochen zu sein, was dich gar nichts, aber wirklich rein gar nichts angeht. Und doch hattest du die ganze Zeit über – es waren inzwischen anderthalb Stunden vergangen – dort gestanden, den Blick wie magnetisch angezogen, konntst ihn einfach nicht abwenden. Das war kein Porno, was du da gesehen hattest. Das war Liebe. Liebe in ihrer reinsten Konzentration. Oh, das klingt jetzt wieder schrecklich kitschig.

Noch jetzt kannst du an nichts anderes denken. Du bist im wahrsten Sinne des Wortes erschüttert. Deine Gefühle sind hin- und hergerissen. Du bist einerseits total glücklich darüber, dass du so etwas sehen durftest. Und am liebsten würdest du der Nachbarin einen dicken, großen Blumenstrauß schenken. Einen Moment lang hast du das ernsthaft in Erwägung gezogen. Andererseits fühlst du dich wie ein lausiger Dieb, ein ekliger Spanner…

Und du hast das große Bedürfnis, all das irgendjemandem mitzuteilen, am liebsten deiner Freundin. Aber wirst du dich das trauen? Du hast Angst, sie könnte dich nicht verstehen. Oder vielmehr, sie würde nur die eine Seite sehen, die des schäbigen Spanners. Und nicht die des Privilegierten, der das Glück hatte, etwas unendlich Schönes beobachten zu dürfen – und sei es auch nur schemenhaft durch Vorhang und Spiegel.

Und dann fühlst du das große Verlangen, das auch zu tun. Dir auch so viel Zeit zu nehmen mit deiner Freundin. Und vor allem, es ebenso zärtlich zu tun.








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